Kein Geld mehr für zusätzliche Lehrer
Die Bildungministerin Ute Erdsiek-Rave kam auf Einladung der Halstenbeker SPD in die Gemeinschaftsschule, um zu aktuellen Fragen der Bildungspolitik Stellung zu nehmen.
Andreas Dirbach in: Pinneberger Tageblatt vom 14. April 2008

Ute Erdsiek-Rave (SPD), die Ministerin für Bildung und Frauen aus Kiel, wurde vom Landtagsmitglied Bernd Schröder (links) und Nicolai Overbeck, schulpolitischer Sprecher der SPD-Kreistagsfraktion, nach Halstenbek eingeladen.
Es ging um die "Zukunft unserer Kinder". Der SPD-Ortsverein Halstenbek fand zu diesem Thema die richtige Expertin: Ute Erdsiek-Rave (SPD). Die Ministerin für Bildung und Frauen aus Kiel kam in die Baumschulgemeinde und stellte sich den Fragen der Bürger. Die Veranstalter, Nicolai Overbeck vom Ortsverein und der Landtagsabgeordnete Bernd Schröder, hatten sich für ihre Parteikollegin die augenscheinlich passende Bühne ausgesucht - denn mit der Gemeinschaftsschule wählten sie einen Ort, der gern als Vorbild im Land und Kreis angeführt wird.
Doch die anfängliche Freude inklusive Lob über die rasche Umwandlung - sowohl aus dem Publikum an die Bühnenprominenz als auch von der Ministerin an die Halstenbeker - währte nicht lange. Nach einer kurzen Einführung kamen die ersten kritischen Fragen aus den Reihen der Zuhörer. So wurde der bestehende Klassenteiler bei 29 als kontraproduktiv bezeichnet: "Ich mache in Chemie mit 29 Kindern nicht den Bunsenbrenner an", war aus dem Publikum zu hören. Erdsiek-Rave versuchte zu beschwichtigen: "Wir haben bundesweit die niedrigste Klassenstärke. In Bayern liegt der Teiler bei 33", so die Ministerin. Sie verwies ebenso auf die Durchschnittsgrößen von Klassen (zwischen 20 Schüler an der Hauptschule und 26,1Schüler am Gymnasium). Erdsiek-Rave, die selbst Lehrerin war, bescheinigte dem Land noch "erträgliche Klassengrößen", und fügte hinzu: "Ich kann nicht noch weitere Geld für mehr Lehrer mobil machen."
Dabei hatte sie einige Minuten zuvor im Hinblick auf die Haushaltslage verkündet: "Wir hatten in den vergangenen zwei Jahren die Möglichkeit, viel Geld ausgeben zu können." Die Mittel würden jedoch verstärkt in die vorschulische Erziehung investiert - wie etwa die Kleinkinderbetreuung mit 113 Millionen Euro unterstützt werde. Sie sieht den Förderbedarf in der sozialen Kompetenz und der Sprachentwicklung. Kinder würden ihre Freizeit vor dem Fernseher und der Playstation verbringen, anstatt dass ihnen ihre Eltern vorlesen. Deshalb sei die Aufgabe einer Kita nicht nur Betreuung, sondern auch Bildung - an dieser Stelle werde "in die Zukunft" investiert. Eine Einstellung, die nicht alle Anwesenden teilen konnten: "Ich will nicht zehn Jahre warten, bis die geförderten Kita-Kinder in die Schule kommen", war aus dem Publikum zu hören. Doch dafür reiche Geld nicht aus: "Noch mehr Schulden machen geht nicht", lautete Erdsiek-Raves Entschuldigung.
Etwas getan werde auf andere Weise: Die Pisa-Studie habe gezeigt, dass in Deutschland der stärkste Zusammenhang zwischen dem Bildungsweg der Kinder und dem Bildungsniveau der Eltern bestehe. Dies sei ein "skandalöser Befund für eine Demokratie", bewertete Erdsiek-Rave streng. Deshalb sei es ein richtiger Schritt, das dreigliedrige Bildungssystem aufzubrechen, um die so genannte Risikogruppe (Schüler ohne Abschluss, die mit 15 Jahren auf dem Bildungsstand eines Fünftklässlers sind) aufzufangen. "Wir haben viel zu lange ignoriert, dass wir ein Problem haben", so die Ministerin. Ab 2010 werde es in Schleswig-Holstein keine Hauptschulen mehr geben. Auf die Frage aus dem Publikum, warum es trotz der Auflösung der drei Schultypen immer noch die drei alten Abschlüsse gebe, antwortete Erdsiek-Rave lapidar: "Soweit sind wir noch nicht".
Provokativ: Die Ministerin forderte, dass die Wirtschaft bei beklagtem Fachkräftemangel die Ansprüche an die Abschlüsse heruntersetzen müsste. Ihr Kollege, der Landtagsabgeordnete Schröder, pflichtete ihr bei. Es habe sich für die handwerklichen Betriebe nicht gelohnt, Real- statt Hauptschüler einzustellen, da diese nach der Lehre die Betriebe wieder verlassen hätten. Ob sich das bewahrheitet, werde die "Zukunft unserer Kinder" zeigen.

